Theater
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Liam war atemberaubend. Auch an diesem Abend wurde er wieder mit stehenden Ovationen belohnt. Auch an diesem Abend stand das Publikum in seinem Bann, ebenso wie Nathan selbst.
Mit einem Seufzer fuhr sich der blonde Mann durch sein struppiges Haar. Es fühlte sich an wie trockenes Stroh und Nathan seufzte erneut bei dem Gedanken, dass es wohl auch immer so bliebe, egal mit wie vielen Mittelchen und Gelen er noch experimentierte. Seidig glatt wie Liams konnte es nicht mehr werden, die Chance war vertan.
Nathan schmiegte sich enger in den Vorhang, sein bevorzugter Standort, von dem aus er den besten Blick auf die Bühne genoss. Liams Haar fiel in weichen Wellen auf seine Schultern. Die Scheinwerfer warfen samtene Schimmer über das dunkle Braun, verwandelten jede Bewegung des Kopfes in eine schwingende Woge. Wenn Nathan nicht wüsste, dass sich der Glitzer, den die Maskenbildnerin noch kurz vor Liams Auftritt über seine Haare verteilte, nach und nach löste und wie herabfallende Sternschnuppen um ihn glitzerten, seinem Tanz in einer schimmernden Wolke folgte, so würde er dieses Bild noch zusätzlich zu der Magie des Augenblicks addieren, die Liam folgte wohin er sich auch wandte.
Und das nicht nur während seiner Auftritte. Liam versprühte diesen Zauber ohne Einschränkungen. Egal wo er sich befand, egal was seine Aufgabe war, er erfüllte sie mit einer graziösen Leichtigkeit, um die ihn jedermann beneidete. Er hatte diese Wirkung auf Menschen. Und mehr als alles andere bestimmte ihn dieses Talent für die Bühne.
Nathan, selbst ein Kind des Theaters, war sich nur allzu bewusst, dass er selbst diese Macht nie besitzen würde. Diese Macht über das Publikum, das gebannt an Liams Lippen hing, sobald er sprach, sobald seine samtene Stimme in ihrem dunklen Tief erklang. Und noch mehr, sobald er sang, sobald er die schwierigsten Melodien und Sprünge meisterte, ohne dass es nur nach der mindesten Anstrengung aussah.
Nur manchmal erhaschte Nathan einen Moment, in dem Liam sich ungesehen glaubte. In dem er sich vom Publikum abwandte, einen Augenblick Luft holte, einen Augenblick nur zuließ, dass die Beherrschung, die er benötigte, kurz, für den Bruchteil einer Sekunde, verfiel. Raum ließ für den Anblick der Erschöpfung, für die strengen Falten um Mund und Augen, für die hohlen Wangen, das rasche Heben und Senken des Brustkorbes, das keiner bemerken durfte, das die Illusion zerstörte, die er so bemüht war, aufzubauen. Die aufzubauen seine Arbeit war.
Nathan riss erschrocken seine Augen auf. Die Musik ertönte lauter als zuvor, stieg an, riss die Zuhörer mit sich. Dieser Augenblick war ein erhebender, führte jeden im Saal fort, entführte die Menschen in andere, schönere Welten. In Welten, in denen Märchen und Träume Wahrheit wurden.
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