Nur für Liam funktionierte die Illusion nicht. Und nur Nathan sah ihn straucheln, sah das schmerzverzerrte Antlitz, das sich blitzartig dem Hintergrund zu wandte, um die eigene, verbotene Schwäche zu verbergen.
„Liam“, wisperte Nathan unhörbar und der Schreck erfasste ihn ebenso wie die Liebe in seinem Herzen aufwallte. Die Liebe von der er nur allzu lange wusste, doch die zu gestehen, er noch nicht einmal sich selbst gegenüber in der Lage war.
Zu weit entfernt, zu unerreichbar war diese Gestalt, der Mensch, der auf der Bühne König war und dessen Bild in Rüstung und weißem Umhang, Nathan bis in die Nacht hinein verfolgte.
Nathan biss sich auf die Lippen und krallte sich in den Vorhang. Er wusste, dass er nicht auf die Bühne laufen durfte. So sehr es ihn auch drängte, dem anderen zu Hilfe zu eilen. So sehr er sich auch wünschte, die Versicherung einholen zu dürfen, dass es Liam gut ginge, dass er sich nicht ernsthaft verletzt hatte, so gewiss war auch, dass es ihm niemand und am allerwenigsten Liam danken würde, sollte er sich dazu hinreißen lassen, seinen Platz aufzugeben und die Vorstellung zu stören.
Eine Vorstellung, in der seine eigene, kleine Rolle so wenig auffiel, dass selbst ein Eingreifen seinerseits beim Publikum keinerlei Erkennen oder zusätzliche Verwirrung auslösen durfte. Trotzdem hielt er sich an die Regeln, wie er es immer tat, umklammerte krampfhaft die Falten, fühlte mehr als er sah, wie seine Knöchel weiß wurden, während er beobachtete wie Liam versuchte seinen Atem zu beruhigen, wie er vorsichtig seinen linken Fuß erprobte. Weitere Takte verstreichen ließ, bevor er sich mit einem Nicken zur Seite umdrehte, und seinen Gesang wieder aufnahm.
Nathan beobachtete, wie achtsam seine Schritte ausgeführt, wie vorsichtig seine Drehungen und Sprünge mehr angedeutet, als wirklich getanzt wurden. Nur mit den ersten Worten schwang ein leichtes Zittern mit. Danach erklang Liams Stimme voll und sicher, so wie es von ihm erwartet wurde.
Langsam ließ Nathan die Luft aus seinen Lungen entweichen, verbrauchte Luft, die er unbewusst angehalten hatte. Liams Mimik erschien gewohnt selbstsicher, seiner Rolle als König Arthur mehr als gerecht. Seine Stimme beherrschte und erfüllte den Saal. Und wie einstudiert, bewegte Liam sich um die wochenlang, monatelang studierten und geübten Schritte herum, lenkte den Blick des unwissenden Zuschauers von dem Mangel ab mit wilden Schwüngen seines silbrig glänzenden Umhanges, mit der spielerischen Handhabung seines Schwertes Excalibur, das mit Hilfe der Scheinwerfer als Blickfang fungierte und jegliche Aufmerksamkeit von seinem Besitzer abzulenken imstande war.
Niemand bemerkte den bitteren Zug um Liams Mundwinkel, als er mit einer Verbeugung zur Seite wich, den Raum seinen Kollegen überließ, die den Hauptteil der folgenden Szene zu bestreiten hatten. Niemand außer Nathan sah, dass er sich gegen die Dekoration lehnte, eine Hand tastend nach dieser ausgestreckt, bevor sie ihm Unterstützung gewährte.
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