Carolyns Traum
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Carolyn nippte an ihrem Martini. Langsam wurde dies zur Gewohnheit. Zu einer traurigen, unangenehmen Gewohnheit. Einer von der Art, die man nicht in der Öffentlichkeit preisgegeben sehen wollte.
Obwohl, mit Öffentlichkeit war es wohl nicht mehr so weit her. Carolyn schnaubte bitter. Ihre Tage als Ehefrau eines bedeutenden Geschäftsmannes, waren beendet, noch ehe sich daran gewöhnt hatte. Nicht dass sie sich jemals daran gewöhnen wollte. Trotzdem war es schade, umso mehr, als sie nicht geahnt hatte, wie sehr sie es vermissen würde. Im Gegenteil, war es doch lange Zeit ihr einziger Wunsch gewesen, dass jemand sie aus dem Käfig befreite, der sie einengte. Jemand wie Don. Doch Don war nicht gekommen. Don war lange Zeit nicht gekommen. Er hatte sie vergessen, abgeschrieben, genauso wie ihn lange Zeit alle vergessen hatten. Bis er dann wieder aufgetaucht war und ihr Leben durcheinandergeworfen, das Unterste zuoberst gekehrt, mit all der Verlogenheit und den Betrügereien Schluss gemacht hatte, die sie erahnt, doch von denen sie nie wirklich gewusst hatte.
Was für ein Gefühl es gewesen war, ihn wieder zu sehen. Älter, natürlich. Schmal, das Gesicht geprägt von Linien, die Geschichten erzählten. Geschichten von Leid und Entbehrung. Aber immer noch aufrecht, vielleicht sogar aufrechter, denn je zuvor.
Wie er sie angesehen hatte. Als fühlte er das Beben ihres Herzens so wie sie es tat. Als ahnte er von dem Aufruhr, den sein Erscheinen in diesem Haus in ihr verursachte.
Er war wieder bei ihr und nichts anderes zählte. Nicht die langen Jahre, die sie getrennt gewesen waren. Nicht die niemals versiegenden Tränen, die der Gedanke an ihn, in ihr erweckte. All das verflog in dem einen Augenblick, in dem seine Augen in die ihren tauchten.
Carolyn seufzte. Doch was hatte es gebracht? Er war wieder gegangen, wie er gekommen war. Hinterließ Tod, Verderben, einen Scherbenhaufen, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen. Er hatte sie gebraucht, ihren Rat, ihre Hilfe, ihr Verständnis. Doch als seine Aufgabe erledigt, als er von dem Druck befreit, da war auch sie vergessen, ebenso wie ihr Sohn.
Und was hätte sie auch erwarten sollen. Sein Leben war noch tausendmal schwieriger, noch unendlich katastrophaler als ihres jemals sein konnte.
Selbst jetzt, wo sie vor dem Nichts stand, gab es immer noch den Ort, an den sie gehörte, hatte sie das Kind, für das sie lebte. Besaß sie die Erinnerungen, die kostbarer waren, als alles, was sie jemals verloren hatte.
Carolyn nahm einen Schluck. Sie sollte nicht soviel trinken. Sollte nicht Abend für Abend in eine Bar flüchten. Sobald sie nicht mehr für ihren Sohn da sein musste, sobald er in Ruhe schlummerte, nickte sie dem Kindermädchen zum Abschied zu, und verschwand. Nicht immer in dieselbe Bar. Nein. Trotz allem achtete sie darauf, nicht aufzufallen. So viel Verantwortungsbewusstsein musste sein. Wenigstens das. Wenigstens dem Jungen nicht noch mehr zumuten. Dem Jungen, dessen Weltbild verkehrt worden war. Dem Jungen, für den Don zu seinem neuen Helden geworden, für den kein Tag verging, an dem er nicht von seinem Onkel sprach, fragte, was dieser tat, wo er war, wann er sie besuchen kommen würde. Was sollte sie ihm sagen. Dass sie Don vergrault hatte? Dass sie das Tüpfelchen auf dem i gewesen wäre, das es ihm unmöglich gemacht hätte, jemals wieder zurück zu kehren.
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